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[infowar.de] SZ,3.7.04: Bundeswehr: Links zwo drei, in die Cyberwelt



Infowar.de, http://userpage.fu-berlin.de/~bendrath/liste.html
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Schon irgendwie ironisch, dass dieser Werbetext ausgerechnet an dem Tag
erscheint, wo das große BW-IT-Projekt "Herkules" für gescheitert erklärt
wird.
RB


SZ, 3.7.2004

Bundeswehr

Links zwo drei, in die Cyberwelt

Klar sehen in der dunklen Nacht und überm Herzen die Daten tragen ? die
Bundeswehr stellt den High-Tech-Infanteristen der Zukunft vor.

Von Reymer Klüver
	 
Ein "Soldat der Zukunft"
Foto: ddp

Hammelburg, 2. Juli ? Eigentlich müssten die Krieger der Zukunft doch
martialischer aussehen. So ein bisschen mehr von Rambo könnten sie schon
haben. Schwere automatische Waffen beispielsweise, aus denen die
Geschosshülsen nur so spritzen.

Oder jedenfalls Schutzschienen an Armen und Beinen wie die düsteren
Kämpfer in Science-Fiction-Filmen. Gut, die dunkle Tarnfarbe auf Gesicht
und Händen und das schwarze Sturmgewehr vor der Brust machen auch
Eindruck. Doch eher haben die zehn jungen Kerle, die hier auf der grünen
Wiese für ihren obersten General angetreten sind, etwas von Stahlhelm
tragenden, oliv getünchten Marsmännchen mit ihren Antennen auf dem
Rücken, den Kabeln unter der Panzerweste sowie den Headsets mit
schwarzem Mini-Mikrofon und Kopfhörern.

Infanteristen der Zukunft werden so ausgerüstete Soldaten genannt, und
sie sind der ganze Stolz der Bundeswehr, zumindest der am Boden
kämpfenden Truppe. Den ersten Satz hat das Heer jetzt erhalten.

Nun gut, es ist erst einmal nur die Ausstattung für zehn Soldaten, aber
ein Anfang ist gemacht. So wichtig ist dieser Anfang der Truppe, dass
Hans-Otto Budde, der Heeresinspekteur, eigens per Hubschrauber in die
Infanterieschule ins fränkische Hammelburg eingeschwebt ist. Mit dieser
Ausrüstung, sagt der General, habe die Zukunft der Bundeswehr begonnen.
Mit technischem Gerät für zehn Soldaten.

Woran zumindest stimmt, dass die Bundeswehr so allmählich in die Lage
versetzt sein wird, High-Tech-Krieg zu führen. Und dabei offenbar nicht
einmal schlecht dasteht. ?Im Augenblick?, sagt jedenfalls Hans-Otto
Budde, der als junger Mann bei der schneidigen Fallschirmjäger-Truppe
diente, im Augenblick seien die Deutschen ?unschlagbar?. Er meint die
technische Ausstattung des Infanteristen der Zukunft, sonst nichts.

Bis zum Jahresende könnten 450 Soldaten mit der High-Tech-Ausstattung
eingekleidet sein, wenn der Bundestag die Anschaffung genehmigt. 15 der
jeweils in Zehner-Sätzen angeschafften Ausrüstungssysteme sollen an das
Einsatzkontingent im afghanischen Kundus gehen und weitere 30 an die
Kräfte, die ab 2005 als Teil der Nato Response Force, der schnellen
Eingreiftruppe der Allianz, in den Kampf geschickt werden können.
340.000 Euro kostet so ein Satz.

Auf Patrouille in Kabul

Ziemlich merkwürdig sieht da manches schon aus. Zum Beispiel das
schwarze Okular, das die Soldaten auf der Hammelburger Wiese
hochgeklappt am Stahlhelm tragen. Irgendwie erinnert es an die Fühler
eines überdimensionierten Käfers. Und tatsächlich verschafft dieses
Gerät den Soldaten in der Dunkelheit Einblicke, die ein Mensch mit
seinen natürlichen Sinnen nie bekommen würde.

Neulich, erzählt der General, war er selbst mal mit auf Patrouille, in
der Altstadt von Kabul, nachts um halb eins. Da haben sie dieses
Nachtsichtgerät ausprobiert, und es war ihm durchaus nicht ganz wohl
zumute in der Finsternis.
Aber dann habe auch er das Okular vorgeklappt, gestochen klar konnte er
200 Meter weit schauen. So etwas, sagt Hans-Otto Budde, ?ist nicht weiße
Salbe?. Er meint das Nachtsichtgerät. ?So etwas gibt Sicherheit.? Auch
das ist eines der Ziele der technischen Aufrüstung bei den Fußtruppen:
Nicht nur die Schlagkraft der Soldaten zu erhöhen, sondern auch ihren
eigenen Schutz. Denn der wird umso besser, je mehr Informationen sie
haben über ihre eigene Lage und die ihrer Gegner.

Deshalb wird jeder Infanteristenzug mit der neuen Ausstattung auch immer
eine Digitalkamera dabei haben. Dazu ein Laserlichtmodul, mit dem sich
ein angepeilter Feind unbemerkt markieren lässt, sowie ein
Wärmebildgerät und ein Kampfstoffdosimeter.

Und dann dieses taschenrechnergroße Gerät, das die Zukunftskrieger in
einer aufklappbaren Tasche direkt überm Herzen tragen. Navipad nennen
sie es, das Kernstück der neuen Ausrüstung, Herz und Hirn in einem.
Ähnlich einem Navigationssystem in Autos funktioniert es.

Darauf können alle zehn Soldaten des Trupps erkennen, wo sich ihre
Kameraden gerade befinden, metergenau, in Echtzeit. Aber es arbeitet
zugleich als Hochleistungslaptop, mit dem die Jungs im Einsatz
untereinander und mit ihrer Führung online kommunizieren können, ohne
Worte, ohne einen Laut. Statt der Waffe nimmt der Soldat einen
damenkugelschreibergroßen Plastik-Stick zur Hand, um die winzigen
Buchstabenfelder der Tastatur zu treffen.

Bilder der Digitalkamera oder der Infrarotsensoren können ebenso auf
dieses Mini-Display eingespielt werden.

Schöne neue Cyberwelt also. Wären da nicht die Schweißperlen, die trotz
der Wolken am Himmel allmählich auf den oliv-schwarz gefärbten
Gesichtern der Soldaten in Hammelburg erscheinen und mehr werden, je
länger ihr General ihnen auf die Schulter klopft und je lauter er ihr
neues Gerät lobt und je mehr Fragen die Medienleute stellen.

Irgendwie erinnern diese kleinen Tropfen auf der Soldatenstirn daran,
dass am Ende eben auch ein High-Tech-Krieg mit Blut, Schweiß und Tränen
ausgefochten werden muss, und nicht nur per Mausklick. Nicht nur.

Ortswechsel. Irgendwo in der Deutschen Bucht, kurz vor Helgoland. Hier,
an Bord der Fregatte Sachsen, lässt sich wiederum anschaulich
feststellen, wie weit die Kriegsführung per Mausclick doch schon
fortgeschritten ist.

Auch die Sachsen ist so ein Vorzeigeobjekt der Bundeswehr, die erste
Fregatte der neuen Generation F 124. Drei Schiffe dieses Typs sollen die
alten Zerstörer der Marine ersetzen, mit denen sie eigentlich nur noch
den Umstand gemein haben, dass sie mit hellgrauer Tarnfarbe getüncht
sind und auf dem Wasser schwimmen. Es ist ein gleißend heller Sonnentag,
Ausflugsdampferwetter.

Die Männer in der OPZ, der Operationszentrale der Fregatte, kriegen
davon allerdings herzlich wenig mit. Sie hocken im Halbdunkel vor
Monitoren und Radarbildschirmen. Der klimatisierte Raum ist fensterlos,
nicht ein Bullauge lässt natürliches Licht hinein.

Luftschleusen riegeln das elektronische Hirn des Schiffes zusätzlich von
der Welt da draußen ab. Der Überdruck hielte Kampfstoffe fern und würde
helfen, die Druckwelle zu mindern, falls das Schiff doch einen Treffer
abkriegen sollte. Was die High-Tech an Bord verhüten möge.

Laien werden die OPZ nicht zu Unrecht Gefechtsstand nennen. Denn hier
wird an 17 Computer-Konsolen per Joystick gekämpft, können per Digi-Code
Geschosse in den Himmel gejagt werden. 400 Kilometer im Umkreis kann die
Sachsen überwachen, praktisch die ganze Nordsee.

Nichts entgeht ihren elektronischen Augen. Über tausend Ziele in der
Luft und hundert Überwasserziele verfolgen die Radarsysteme des Schiffs
automatisch. 16 angreifende Objekte, Flugzeuge oder Raketen könnten sie
gleichzeitig bekämpfen. Einen Tennisball, den sie in Alufolie gewickelt
ins Wasser geworfen hatten, haben sie noch auf 50 Kilometer Entfernung
geortet.

Über diese technischen Fähigkeiten, so sagen sie bei der Marine,
verfügen weltweit nur wenige Schiffe. Selbst bei den Amerikanern nur ein
paar.
Doch Fähigkeiten sind das eine, die Visionen das andere, die bei der
Bundeswehr seit einiger Zeit in zahllosen Strategiepapieren und vielen
Charts mit vielen bunten Pfeilen beschworen werden.

Alle kämpfenden Einheiten sollen miteinander in Verbindung stehen und in
Echtzeit Daten austauschen, vom Aufklärungsflugzeug Awacs über die
Fregatte vor der Küste bis eben hin zum per Satellitennavigation
metergenau lokalisierbaren Infanteristen. Network Centric Warfare,
elektronisch vernetzte Kriegsführung, heißt so etwas im Fachjargon. Das
aber wird alles noch dauern, nicht Jahre, eher noch Jahrzehnte.

In Hammelburg haben sie zum Ende der Übergabezeremonie einen Film
gezeigt. Vom ?Erweiterten System Infanterist der Zukunft? war darin in
trockenem Militärsprech die Rede, kaum dass der erste Infanterist der
Zukunft eingekleidet war. Drohnen, unbemannte Flugzeuge, waren zu sehen,
die ein Soldat auf seinem Navipad dirigiert und einem verdächtigen Auto
hinterherschickt.

Oder ein ferngesteuerter Aufklärungsroboter auf Rädern, einem Mondauto
im Spielzeugformat nicht unähnlich, der ein Terroristennetz ausspäht. Im
Jahr 2010, so die Botschaft des Filmchens, sollen deutsche Soldaten auch
derlei Gerät einsetzen können. Die Zukunft, sagt der General, hat
begonnen. Gerade eben erst.

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